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Eickhoff-Gruppe (Bochum)

Ein Bergbauunternehmen schafft sich als Windenergie-Zulieferer neue Perspektiven

Eickhoff ist ein traditionsreiches mittelständisches Familienunternehmen. Noch heute ist der Stammsitz in Bochum, wo das Unternehmen bereits im Jahr 1864 gegründet wurde. Die Verortung mitten im Ruhrgebiet und damit in der ehemaligen industriellen Kernregion Deutschlands, die vor allem durch Kohleabbau und Stahlherstellung geprägt war, ist dabei kein Zufall: Begonnen hat die Unternehmensgeschichte als Gießerei und Zulieferer für Bergbaubedarf.

Auch heute noch ist das Minengeschäft ein relevanter Geschäftszweig. Aufgrund der stark schwankenden Auftragslage im Bereich Bergbau hat sich das Unternehmen aber längst diversifiziert. Vor allem die Windenergie ist seit 1990 zu einem entscheidenden Standbein des Traditionsunternehmens herangewachsen, Eickhoff ist inzwischen einer der größten Zulieferer vor allem von Getrieben für Windenergieanlagen. Diese neue Sparte hat auch den Aufbau eines ganz neuen Standortes ermöglicht: Zusätzlich zum Stammwerk in Bochum werden Windenergiekomponenten seit 2009 auch in einer spezialisierten Fertigungsstätte in Klipphausen bei Dresden gefertigt. Der neue Standort liegt ebenfalls in der Nähe einer Kohleregion und bietet hier auch neue wirtschaftliche Perspektiven.

Kohleabbau als Grundlage der Geb. Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei

Die Gründung und das Wachstum des bis heute familiengeführten Unternehmens Eickhoff ist eng mit der Nutzung von Kohle als Energieträger und damit mit der Industrialisierung Deutschlands verbunden. Knapp 30 Jahre nach der ersten Eisenbahnfahrt in Deutschland wurde 1864 in Bochum das Unternahmen Eickhoff als Gießerei gegründet. Einige Jahre später übernahmen die beiden Söhne des Gründers die Geschäfte, wodurch die Firma den bis heute geltenden Namen „Geb. Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei“ erlangte.

Zwar betätigte sich der Betrieb auch etwa im Gleisbau für Straßenbahnen, schon früh war aber die Zulieferung von Teilen für im Bergbau verwendete Maschinen ein wichtiger Teil des Unternehmensportfolios. Der Betrieb spezialisierte sich auf Produktionsinstrumente rund um den Bergbau. Vor allem die Produktion von Walzenladern zum Herausschneiden und Transportieren der Kohle in den Zechen und Tagebauen der nahen Umgebung wurde dabei zum Wachstumstreiber. Die Maschinen wurden dabei immer größer. In den 1950er Jahren wurden die ersten Großgetriebe für die vertriebenen Maschinen entwickelt.

Die Fokussierung des Unternehmens auf den Kohleabbau im Ruhrgebiet und im übrigen Deutschland bot nach der Gründung für rund 100 Jahre ein tragfähiges Geschäftsmodell. In den 1970er und 1980er Jahren bedrohte dann der Rückgang der deutschen Steinkohleförderung das Kerngeschäft des Unternehmens. Die Verringerung des Steinkohlebergbaus war dabei rein ökonomisch bedingt. Die in Deutschland tief in die Erde gegrabenen Flöze konnten den fossilen Energieträger nicht annähernd zu den gleichen Preisen bereitstellen, wie es mittels Importen aus anderen Weltregionen dank der dort einfacheren Abbaumethoden möglich war. Die Bundesregierung verlängerte mit milliardenschweren Subventionen zwar den deutschen Steinkohlebergbau noch jahrzehntelang über das eigentlich wirtschaftlich rentable Ende hinaus, es war den Lenkern des Unternehmens aber längst klar, dass in diesem Bereich keine großen ökonomischen Perspektiven mehr existierten.

Windenergie als neues Geschäftsfeld

Der Niedergang des deutschen Kohleabbaus und die parallele Internationalisierung des Bergbaugeschäfts sorgten dafür, dass sich das Unternehmen Eickhoff selbst stärker auf den internationalen Märkten umsah. Spätestens seit den 1980er Jahren wurde neue Standorte und Vertriebswege quer über den Globus entwickelt. Ob USA, Südafrika, Russland oder China – in allen großen Kohleabbaugebieten der Welt ist Eickhoff heute mit Standorten vertreten. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei automatisierten Hochleistungsmaschinen für den Bergbau. Auch das globale Bergbaugeschäft ist jedoch ein stark schwankendes und stark von den Preisentwicklungen an den globalen Energiemärkten abhängig – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Auftragslage des Unternehmens. Um die Unternehmensentwicklung unabhängiger von den Aufs und Abs des Bergbausektors zu machen, wurde parallel zur Internationalisierung auch an einer breiteren Aufstellung der Gruppe gearbeitet.

Dr. Paul Rheinländer, ehemaliger Geschäftsführer und Mitglied des Beirates der Gebr. Eickhoff Gruppe, Bochum

»Der Strukturwandel im Bergbau ist einer der Gründe für die wechselvolle Geschichte unseres Unternehmen. Seitdem neue Geschäftsfelder konsequent abgetrennt und diese den erforderlichen Freiraum – unabhängig von Schwankungen auf dem Bergbau-Markt erhalten haben, verzeichneten sie nennenswertes Wachstum und haben sich technologisch ganz vorn positioniert. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür sind die Getriebe für Windenergieanlagen der Eickhoff Antriebstechnik GmbH.«

Schon in den 1970er Jahren wurde daher damit begonnen, die Traditionen des Unternehmens auch für andere Geschäftsfelder nutzbar zu machen. Insbesondere die Kenntnisse in der Getriebefertigung, die durch das enge Zusammenspiel von Maschinenbau und Gießerei immer weiter verfeinert werden konnten, boten hier die Möglichkeit zur Diversifizierung der Produktpalette. So wurden erstmals Großgetriebe auch an externe Kunden und für andere Zwecke als den Bergbau geliefert. Durch diese Öffnung für neue Geschäftsfelder wurde auch die Windenergie als potenzieller Absatzmarkt identifiziert. Die ersten Getriebe für Windenergieanlagen entwickelte Eickhoff 1990, im Jahr der Verabschiedung des Stromeinspeisegesetzes, das als Vorläufer des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) mit einer festen Einspeisevergütung erstmals Investitionssicherheit schuf.

Durch die eigene Gießerei und die damit verbundene Expertise lag für den ursprünglichen Bergbauzulieferer Eickhoff der Einstieg in die Produktion von Getrieben für Windenergieanlagen nahe. © AEE

Die Windenergie wird zur Erfolgsstory im Traditionsunternehmen

Vor knapp 30 Jahren wurde damit der Grundstein für einen weiteren Abschnitt in der Unternehmensgeschichte gelegt. Die ersten entwickelten Getriebe hatten damals eine Leistung von gerade einmal 125 Kilowatt. Dies sollte sich jedoch schnell ändern, zur Jahrtausendwende und damit passend zum Start des EEG hatte das Unternehmen seine Produktpalette im Bereich der Windenergie enorm weiterentwickelt und konnte bereits Multi-Megawatt-Getriebe ausliefern.

Heute hat Eickhoff Getriebe im Leistungsbereich von zwei bis 4,8 Megawatt im Angebot. Die zur Verfügung stehende Fertigungskapazität würde sogar Maschinen mit bis zu einer Leistung von sieben Megawatt erlauben. Im Jahr 2015 wurden in etwa jeder zwanzigsten Windenergieanlage weltweit Getriebe von Eickhoff verbaut. Der Hauptmarkt liegt dabei in Deutschland. Die Getriebe von Eickhoff werden aber auch im Ausland genutzt – vornehmlich in Europa, teilweise aber auch darüber hinaus. Insgesamt sind bereits Windenergieanlagen mit einer Leistung von 22.000 Megawatt weltweit mit Eickhoff-Getrieben installiert worden.

Weltweit drehen sich in jeder zwanzigsten Windenergieanlage Getriebe von Eickhoff. © Eickhoff Wind Power GmbH

Eickhoff sieht  als besondere Unternehmensstärken einerseits die Langlebigkeit der eigenen Produkte, andererseits aber auch die schnelle Entwicklung von neuen Getriebeklassen für die jeweils kommende Generation von Windenergieanlagen. Durch diese rasche Umsetzung können Anlagenbauer ihre weiterentwickelten Modelle schneller in den Markt bringen und so einen Innovationsvorsprung gegenüber Wettbewerbern erreichen. So gelang etwa die Entwicklung eines Getriebes für einen komplett neuen Anlagentyp in unter einem Jahr. Trotz der kurzen Entwicklungsphase hat sich die Maschine im Praxisbetrieb vielfach bewährt.

Das Windenergiegeschäft bringt einen neuen Standort und zusätzliche Geschäftsmodelle

Nachdem die Windenergie-Getriebe zunächst in Bochum gefertigt wurden und der neue Geschäftszweig so dazu beitrug, das Stammwerk des Unternehmens auszulasten, reichte die Produktionskapazität dort bald nicht mehr aus. Daher wurde im Jahr 2009 für rund 53 Millionen Euro ein neuer Standort im nahe Dresden gelegenen Klipphausen eröffnet.

Dort bauen aktuell rund 220 Mitarbeiter Getriebe für Windenergieanlagen. 2016 wurden hier im Jahr zusätzlich zu den 350 Getrieben aus Bochum etwa 650 Maschinen gebaut. Der Standort wurde im Folgenden immer wieder erweitert. Zuletzt investierte das Unternehmen 2017 in eine neue Produktionshalle, die den immer größer werdenden Windenergieanlagen und den damit ebenfalls wachsenden Getrieben Rechnung tragen sollte.

Aber nicht nur das klassische Maschinenbaugeschäft konnte durch die Hinwendung zur Windenergie neue Absatzmärkte entwickeln. Darüber hinaus stieg Eickhoff zunächst durch die Nachsorge bei den eigenen Produkten, später aber auch mit der Reparatur und Wartung von Fremdgetrieben in das Servicegeschäft ein. Diese Tätigkeiten machen zwar nur einen kleineren Teil der Umsätze im Geschäftsfeld Windenergie aus, aber der Beitrag war in den letzten Jahren wachsend und bietet gleichermaßen zusätzliche Möglichkeiten wie auch eine gewisse Unabhängigkeit von politisch verursachten Unsicherheiten des Neuanlagengeschäfts.

Windenergie und Bergbau unter einem Dach

Eickhoff ist bis heute weiterhin ein vom Bergbau geprägtes Unternehmen, das sich aber längst nicht mehr nur über diese Branche definiert. Schon vor der Hinwendung zur Windenergie hat Eickhoff sich in anderen Märkten als dem klassischen Bergbaugeschäft umgesehen. Mit der Getriebeentwicklung für Windenergieanlagen konnte aber ein komplett neues Geschäftsfeld aufgebaut werden, das die Umsatzstruktur deutlich diversifiziert und welches auch als eigene Division in der Unternehmensgruppe geführt wird. Nicht nur für das Unternehmen selbst war dabei der Einstieg in die Windbranche ein Gewinn, sondern auch für die Anlagenhersteller und natürlich für die Wirtschaftsstandorte Ruhrgebiet und Sachsen.

Um die Klimaziele zu erreichen, muss die Nutzung von Windenergie in Deutschland und weltweit weiterhin deutlich ausgebaut werden. Das lässt hoffen auf weiterhin positive Entwicklungsmöglichkeiten für Eickhoff.

Eickhoff will einerseits durch stärkere Internationalisierung auch im Windenergiegeschäft nationale Unwägbarkeiten der weiteren Windenergieentwicklung in Deutschland abfedern. Andererseits betont das Unternehmen  die Wichtigkeit eines starken Heimatmarktes. Nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für die weit verzweigte heimische Windindustrie braucht es daher klare und ambitionierte Ausbauperspektiven. Ohne diese Voraussetzung kann kein zukunftsorientiertes Unternehmen die notwendigen Investitionen in den Strukturwandelregionen tätigen, egal ob es aus der alten oder neuen Energiewirtschaft stammt.


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Herr
Alexander Karasek
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