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Zeche Anthrazit (Ibbenbüren)

Vollbeschäftigung trotz Zechenstilllegung

Im Westen ganz oben“ – hier liegt der Kreis Steinfurt. Im Gegensatz zum industriell geprägten Ruhrgebiet ist diese ländliche Region an der westfälisch-niedersächsischen Grenze dünn besiedelt. Wenig bekannt ist, dass jenseits der großen Kohlereviere in der 50.0000-Einwohner-Stadt Ibbenbüren eines der beiden letzten deutschen Steinkohle-Bergwerke betrieben wird. Die Zeche Anthrazit ist gleichzeitig das nördlichste und tiefste Bergwerk Deutschlands. Ende 2018 heißt es dort definitiv „Schicht im Schacht“.

Der Kreis Steinfurt will auch nach diesem Zeitpunkt eine Energieregion bleiben. Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben sich die Stadt und der Landkreis intensiv auf die Schließung vorbereitet. Mit einer breit aufgestellten Erneuerbare-Energien-Branche können die Kommunen rund um die Zeche erfolgreich Wertschöpfung vor Ort binden. Ibbenbüren hat frühzeitig seine Wirtschaftsstruktur diversifiziert. Trotz Zechenschließung herrscht heute Vollbeschäftigung.

Relativ weiche Landung nach sehr langem Sinkflug

Rund 500 Jahre lang wurde in Ibbenbüren in mehreren Schächten Steinkohle abgebaut. Im Jahr 2017 förderte das heutige Bergwerk der RAG Anthrazit Ibbenbüren noch rund eine Million Tonnen Steinkohle. Im August 2018 fuhr die letzte Lore ans Tageslicht. Da Ibbenbüren eines von zwei verbliebenen Steinkohlebergwerken in Deutschland ist, sind viele der noch rund 900 Bergleute hierhergezogen, nachdem ihre Zechen im Saarland und im Ruhrgebiet stillgelegt wurden. Ein Großteil der Beschäftigten geht nun in den Vorruhestand. Rund 350 Bergleute sind dafür zu jung. Sie wissen seit 2011, dass sie sich eine neue Beschäftigung suchen müssen. Dafür werden sie mit Schulungen unterstützt. Da Bergleute gelernt hätten, mit vielen Materialien und schweren Maschinen umzugehen, seien sie durchaus gefragt und hätten überwiegend in der Region vermittelt werden können, so Volker Krause, Sprecher der Ibbenbürener Zeche.1

Auch ohne Zeche vorerst weiter Kohlestrom aus Ibbenbüren

Schon in den 1970er Jahren war absehbar, dass die Ibbenbürener Steinkohle nicht mehr wettbewerbsfähig sein würde.2

Dennoch wurde der Kohleausstieg in Ibbenbüren seitdem zweimal hinausgezögert: Um einen sicheren Abnehmer zu schaffen, bauten RWE und Preussag bis 1985 ein neues Kohlekraftwerk, das die installierte Leistung zur Stromerzeugung von 92 Megawatt auf heute 838 Megawatt steigerte. Dank der Subventionierung des Steinkohleabsatzes durch den sogenannten Kohlepfennig war das Bergwerk gesichert.

Vollbeschäftigung trotz Zechenstilllegung

Heute steht das Ibbenbürener Revier wirtschaftlich sehr gut da. Ohne allzu große Zukunftssorgen verabschiedet sich die Stadt mit dem offiziellen Kulturprogramm „Schicht Ende“ gerade vom Bergbau.

Nach Ansicht von Bürgermeister Marc Schrameyer ist der Strukturwandel in und um Ibbenbüren „wirtschaftlich gesehen schon geschafft“.3 Durch Stärkung des Dienstleistungssektors und Ansiedlung vieler Mittelständler aus unterschiedlichen Branchen ist Ibbenbüren tatsächlich deutlich weniger abhängig von der Kohle:

Waren von 10.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 1987 noch 4.500 in der Zeche beschäftigt, sind es drei Jahrzehnte später nur noch 900 von 19.500 Beschäftigten. Trotz Zechenaus wird bis Ende 2018 ein weiteres Absinken der Arbeitslosenquote in Ibbenbüren auf unter drei Prozent erwartet. In der ehemaligen Bergbaustadt herrscht damit Vollbeschäftigung.4

Monika Kaß, Stadtplanerin und Abteilungsleiterin für Stadtentwicklung bei der Stadt Ibbenbüren, betont, dass es beim Strukturwandel in Ibbenbüren kein Arbeitslosenproblem gibt.

Erneuerbare Pionierregion

Dass es der Region heute wirtschaftlich sehr gut geht, dazu hat auch beigetragen, dass Kreis und Kommunen rechtzeitig Alternativen und eine eigene Energiepolitik in Angriff genommen haben. Nicht zuletzt wurde im Kreis Steinfurt gezielt schon früh die ganze Bandbreite der eigenen Erneuerbaren Ressourcen genutzt.

Seit den 1970er Jahren kümmerte sich die Stadt Ibbenbüren in einem eigenen Ausschuss für Energiefragen um die Zukunft ihrer Energieversorgung. Ab 2007 legte der Stadtrat einen Schwerpunkt auf die Nutzung der Solarenergie. Beim Verkauf von kommunalen Wohnbaugrundstücken greift seitdem der Ibbenbürener „Solar-Euro“: Bauleute müssen bei Abschluss des Kaufvertrags mit der Stadt für jedes Grundstück einen Aufschlag von 1.000 Euro zahlen. Diesen Betrag erhalten die Käufer von der Stadt zurück, wenn sie innerhalb von drei Jahren eine Photovoltaik- und/oder Solarthermieanlage installieren.

Schon 1982 errichtete der Windenergiepionier und Landwirt Dieter Koch unweit der Zeche die erste netzgekoppelte Windenergieanlage Deutschlands. Er setzte sich dafür ein, erstmals Windstrom ins Netz einzuspeisen und vor allem bezahlt zu bekommen, lange vor der Liberalisierung der Strommärkte.

Im Frühjahr 2017 wird der Bürgerwindpark Mettingen errichtet. Am Horizont ragt das Steinkohlekohlekraftwerk Ibbenbüren in den Himmel. © Bürgerwind Mettingen GmbH & Co. KG.

Im Sommer 2018 drehen sich hier die drei gerade errichteten Turbinen der Bürgerwind Mettingen GmbH & Co. KG. Geschäftsführer Franz Ruthemeyer-Tüpker blickt praktisch täglich auf die Zeche, das Kohlekraftwerk und seit Anfang 2017 auch auf „seinen“ Bürgerwindpark, den er gemeinsam mit mehreren Landwirten und Anwohnern initiiert hat. Bewusst hat man die finanzielle Beteiligung nur auf die Standortkommune Mettingen beschränkt. Der Andrang aus benachbarten Kommunen sei einfach zu groß gewesen und man wolle vor allem den Nachbarn des Windparks eine Miteigentümerschaft als Kommanditist ermöglichen.5 Dass das Projekt den Leitlinien für Bürgerwind der Kreisverwaltung folgt, habe in der Verwaltung und bei Skeptikern die Akzeptanz gefördert.

Erneuerbare Wertschöpfung gleicht Bedeutung der Kohle aus

Das Projekt in Sichtweite des Kohlekraftwerks ist nicht allein: Seit den 1990er Jahren sind durch Windenergie im Kreis Steinfurt rund 400 Millionen Euro Investitionen ausgelöst worden, davon ein großer Teil durch die 19 Bürgerwindgesellschaften. Die damit verbundenen Umsätze blieben auch dank der Leitlinien für Bürgerwind langfristig in der Region, unterstreicht Ulrich Ahlke, Leiter des Amts für Klimaschutz und Nachhaltigkeit der Kreisverwaltung Steinfurt. Ein Bürgerwindpark würde jährlich alleine rund eine Million Euro Gewerbesteuer in die öffentlichen Kassen spülen, rechnet Ahlke vor.6

In Sichtweite des Ibbenbürener Kohlekraftwerks sorgt der Bürgerwindpark Mettingen für lokale Wertschöpfung in der Kohleregion. © Bürgerwind Mettingen GmbH & Co. KG.

Schon 2011 gab es laut einer Erhebung des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) 834 Vollzeitstellen durch Planung, Errichtung und Betrieb von Erneuerbare-Energien-Anlagen – etwa so viele Stellen wie im Bergwerk 2018 wegfallen. 2011 betrug allein die kommunale Wertschöpfung in Form von kommunalen Steuereinnahmen, Einkommen von Beschäftigten und Unternehmensgewinnen 46,2 Millionen Euro. Bis 2050 halten die Forscher eine Steigerung auf knapp 1.800 Beschäftigte und 144 Millionen Euro kommunale Wertschöpfung für möglich. Voraussetzung ist, dass der Kreis seine Klimaschutzziele wahr macht und die erneuerbare Wärmebereitstellung bis Mitte des Jahrhunderts gegenüber 2011 vervierfacht wird auf eine Milliarde Kilowattstunden. Die Erneuerbare Stromerzeugung müsste auf 3,5 Milliarden Kilowattstunden gesteigert werden.7

Heimische Erneuerbare Energien deckten nach Schätzungen der Kreisverwaltung 2017 bereits rund 70 Prozent des Strombedarfs.

Strukturwandel heißt alle mitzunehmen

Es fällt schwer, wirkliche Verlierer des Strukturwandels im Kreis Steinfurt auszumachen. Bemerkenswert ist vielmehr die enge Zusammenarbeit von alter und neuer Energiewirtschaft, von Handwerk und Landwirten, lokalen Unternehmen und Banken. Die RAG Anthrazit und fossile Brennstoffhändler sind genauso in die Planung der Klimaschutz-Maßnahmen eingebunden wie beispielsweise Bauern und Entwickler von Bürgerwindparks.

Unter dem Schirm des Vereins „energieland2050“ sind die lokalen Netzwerke und Kompetenzcluster entlang der Wertschöpfungsketten gebündelt. Bei der Kreisverwaltung kümmert sich als Motor und Geschäftsstelle Ulrich Ahlkes Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausdrücklich auch um die Stärkung der regionalen Wertschöpfung und die Stärkung der Bürgerverantwortung. Dass von der 1,5 Milliarden Euro starken Energierechnung aller Verbraucher im Kreis bisher rund 90 Prozent aus der Region abflossen, soll ein Ende haben. "energieland2050“-Berater und -Botschafter wirken dafür direkt in die Kommunen, in die Unternehmen und stehen als dezentrale Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung.

Der Kurs war von Anfang an klar: eine Erneuerbare Vollversorgung bis 2050. Rund zehn Jahre vor dem Pariser Klimaschutzabkommen nahm der Kreis Steinfurt dessen Ziel vorweg und entwickelte eine Strategie, um seine Treibhausgasemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts um 95 Prozent zu senken.8 In der Praxis bieten zum Beispiel das lokale Handwerk, das Stadtwerk und die Ibbenbürener Schnittstelle Kohlekonversion den 6.000 Haushalten, die noch mit Steinkohle heizen, gezielte Beratung für alternative Heizsysteme.9

Sektorenkopplung praxistauglich machen

Längst geht das „energieland2050“ die Zukunftsfragen der Energieversorgung an: Die Erneuerbare Stromerzeugung muss stärker mit dem Wärmesektor und dem Verkehrssektor verknüpft werden. Ohne diese Sektorenkopplung wird es schwierig, fossile Energieträger wie Erdgas zum Heizen oder Erdöl im Verkehr zu ersetzen. Eine Brücke bilden dabei bedarfsgerecht einzusetzende Gase wie Wasserstoff und Methan aus Erneuerbarem Strom.

Mit den „Steinfurter Flexkraftwerken“10 bereiten die Stadtwerke der Region gemeinsam mit Banken, Bürgerwindparks und Verkehrsbetrieben die Markteinführung von Erneuerbarem Wasserstoff vor. Dieser könnte in der Region aus Erneuerbarem Strom gewonnen und dann als Brennstoff im öffentlichen Personenverkehr zum Einsatz kommen. Auch RWE ist am Standort Ibbenbüren bereits mit einer Pilotanlage in das Power-to-Gas-Verfahren eingestiegen, bei dem aus Strom zunächst Wasserstoff und dann synthetisches Methan gewonnen wird.11

Kommunale Energieversorgung soll das Geld in der Region halten

Schon vor der Stilllegung steht fest, dass das Zechengelände im Sinne der kommunalen Wertschöpfung weitergenutzt wird. In die Verwaltungs- und Sozialgebäude werden die neu gegründeten Stadtwerke Tecklenburger Land einziehen.12 Die Stadt Ibbenbüren hat den kommunalen Energieversorger mit sechs weiteren Gemeinden aus dem Umland im Jahr 2014 gegründet. Die Stadtwerke haben die Konzessionen für den Betrieb der Stromnetze und Gasnetze in den sieben Kommunen 2016 übernommen. Bis 2020 bauen die Stadtwerke dafür einen eigenständigen Netzbetreiber neu auf. So werden nicht nur zusätzliche Einnahmen in die öffentlichen Kassen fließen, sondern auch lokale Energiekompetenz weiter gestärkt.

Das Kohlekraftwerk ist in Ibbenbüren nicht zu übersehen. Auf den Abraumhalden des Steinkohlebergwerks könnten sich in Zukunft auch Windenergieanlagen drehen. © Stadt Ibbenbüren

Die Abraumhalde der Zeche könnte in den 2020er Jahren zu einer Landmarke für den erfolgreichen Wandel des Ibbenbürener Kohlereviers werden. Planerisch hat die Stadt Ibbenbüren zumindest den Weg frei gemacht, um die Halde als Standort für Windenergieanlagen zu prüfen. Der Ball liegt nun im Feld der RAG und deren Immobilientochter.


Quellennachweis

1 Ellerich, Martin: Jeder Tag ein kleiner Abschied. Das letzte Jahr der deutschen Steinkohleförderung. In: Westfälische Nachrichten, 24. Mai 2018.

2 Mönninghoff, Karl-Heinz: 100 Jahre Strom aus Ibbenbürener Kohle. In: Ibbenbürener Volkszeitung, 17. April 2008. http://www.stadtmuseum-ibbenbueren.de/stadtgeschichte_aufsaetze2.htm

Ellerich, Martin: Aufbruchstimmung statt Frust im Ibbenbürener Rathaus. In: Westfälische Nachrichten, 24. Mai 2018.


4
Klausmeyer, Frank: Die 2 vor dem Komma rückt näher. Der Arbeitsmarkt in der Region Ibbenbüren im Mai. In: Westfälische Nachrichten, 30. Mai 2018.


5
https://www.buergerwind-mettingen.de und Telefoninterview, 11. Oktober 2018.

6 Telefoninterview, 11. Oktober 2018.

7 IÖW: Kommunale Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien in zwei Modellkommunen in Nordrhein-Westfalen. Oktober 2012.

8 Kreis Steinfurt/Jung Stadtkonzepte: Masterplan 100 % Klimaschutz für den Kreis Steinfurt. April 2014.

9 Westfälische Nachrichten: Viele Alternativen zur Kohle. Große Resonanz auf Infoveranstaltung zu modernen Heizsystemen. 20. Juni 2018.

10 Energieland 2050: Die Steinfurter Flexkraftwerke. Eine Region realisiert die Energiewende. 2016.

11 http://www.powertogas.info/power-to-gas/pilotprojekte-im-ueberblick/rwe-demonstrationsanlage-ibbenbueren/, abgerufen am 5. Oktober 2018.

Ihr Ansprechpartner

Herr
Alexander Karasek
Telefon: 030 / 275 81 70 - 0

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